Türkei mit VW-Bus

Als Gast in Anatolien - Türkei 1978                                                        

 

 

Wir stecken hoffnungslos mitten im Chaos. Von links und rechts hupt es markerschütternd. Seit Stunden irren wir hier schon herum. Die Straßen werden enger und enger, kaum breit genug für unseren VW-Bus. Allmählich merken wir, daß wir im Basar gelandet sind. Im Basar von Istanbul, wohlgemerkt. Um uns herum brodelnde Menschenmassen in verstopften Gassen, Wagen werden seelenruhig abgeladen, Lastträger rennen vor uns her. Dieser wahnwitzige Verkehr geht uns ganz schön auf die Nerven. Noch immer haben wir uns nicht an die orientalische Fahrweise gewöhnt. Ampeln haben hier keine große Bedeutung, und das Wichtigste ist, daß die Hupe funktioniert. Verkehrsregeln werden grundsätzlich ignoriert, und man muß immer mit allem rechnen.

 

Endlich geht es vorwärts. So schnell wie möglich verlassen wir den Irrgarten, stellen den Wagen ab und erkunden den Basar zu Fuß. Ein wirkliches Vergnügen! Wir könnten Tage damit verbringen, das Treiben hier zu beobachten: Jungen mit großen Platten voller Sesamkringeln auf dem Kopf, am Straßenrand sitzt ein Schuhputzer, Händler preisen lauthals ihre Waren an. Aber wir wollen schließlich noch mehr von dieser faszinierenden Stadt sehen: die Hagia Sophia natürlich, den ehemaligen Sultanspalast Topkapi Serail, die unzähligen Moscheen. Istanbul ist heute zwar nicht mehr die Hauptstadt der Türkei, aber sie ist immer noch das geistige und kulturelle Zentrum des Landes.

 

Türkische Gastfreundschaft

 

Beeindruckt fahren wir weiter, entlang der türkischen Westküste, um bei Kusadasi ins Landesinnere abzubiegen. Plötzlich leuchtet die Batteriekontrollampe auf, der Wagen wird langsamer und bleibt schließlich ganz stehen. Nichts geht mehr: keine Zündung, keine Hupe, kein Licht. Während sich Walter auf die Suche nach dem Fehler macht, kommen aus einem benachbarten Dorf in kürzester Zeit etwa 15 junge Männer zusammen und bieten ihre Hilfe an. Freilich versteht keiner von ihnen allzu viel davon. Was sie nicht daran hindert, unters Auto zu kriechen, in den Motorraum zu gucken, den Sicherungskasten auseinanderzunehmen. Endlich findet Walter die Ursache: Das Hauptstromkabel ist gebrochen. Mit Hilfe eines Türken ist es schnell repariert, und dann läuft der Motor wieder.

 

Mittlerweile ist es dunkel geworden, und da lädt uns Yasar, ein junger Mann, zum Abendessen ein. Wir kommen gerne mit und werden von seiner Mutter und zwei Brüdern begrüßt. Sie wirken keineswegs überrascht, sondern heißen uns ganz selbstverständlich willkommen. Ich versuche mir vorzustellen, was wohl so manche Mutter in Deutschland sagen würde, wenn ihr Sohn plötzlich mit zwei wildfremden Türken vor der Tür stünde. Der Empfang wäre kaum so herzlich! Yasar spricht einige Worte Deutsch und wir ein paar Brocken Türkisch, und so können wir uns ein bißchen verständigen. Seine Schwester lebt in Deutschland, erzählt er, und das ist für ihn fast so etwas wie das gelobte Land. Eine typische Haltung der Türken, wie wir feststellen. Fast jeder kennt Landsleute, die in Deutschland leben, und fast jeder glaubt, dort sei alles besser als in der Türkei. Wenn man bedenkt, wie die Türken bei uns behandelt werden, kann man sich darüber nur wundern. Die Deutschfreundlichkeit ist in der Türkei jedoch schon seit der Allianz im Ersten Weltkrieg Tradition.

 

Nachdem wir sämtliche Familienfotos angeschaut haben, wird das Abendessen aufgetragen. Bis auf die höllisch scharfen Pepperoni schmeckt es köstlich. Nur mit einiger Überredungskunst können wir die freundliche Familie anschließend daran hindern, uns ihre Betten abzutreten und sie davon überzeugen, daß es sich im Bus hervorragend schläft.

Am nächsten Morgen werden wir mit lauter Musik geweckt, denn Yasar hat seinen Kassettenrekorder im Garten aufgehängt. Wir frühstücken zusammen. Ein Nachbar kommt vorbei und schenkt uns herrliche Trauben - einfach so. Als wir beim Abschied versuchen, uns für diese überwältigende Gastfreundschaft wenigstens mit einigen Zigaretten und Süßigkeiten zu revanchieren, will Yasar nichts annehmen. Erst als wir sagen, es sei für seine Mutter, ist er einverstanden. Die so selbstverständliche und von Eigennutz freie Gastfreundschaft der Türken ist wohl eine der wichtigsten und schönsten Erfahrungen auf unserer Reise.

 

An der türkischen Südküste

 

In der Gegend von Denizli, die wir als nächstes ansteuern, wird sehr viel Baumwolle angebaut, die auf Türkisch Pamuk heißt. inmitten der Baumwollfelder liegt Pamukkale - das Baumwollschloß. Durch die Ablagerungen von warmem, kalkhaltigem Wasser entstanden im Laufe der Zeit weiße, stufenförmige Kalksinterbecken an einem Berghang, die in der Sonne wirklich wie Baumwolle glänzen. Jetzt im Spätsommer sind die meisten Becken leider ausgetrocknet, doch in einigen finden wir noch etwas Wasser und können ein Fußbad nehmen. An einem warmen Bächlein nutzen wir die Gelegenheit, um unsere Wäsche zu waschen. Wo bekommt man auf Reisen sonst schon warmes Wasser her. Einige Türken finden das anscheinend sehr belustigend und schauen uns interessiert zu. Es gibt hier sogar ein antikes Schwimmbad, in dem einige alte Säulen herumliegen, über die man seine Bahnen ziehen kann.

Ganz in der Nähe liegt die Totenstadt Hierapolis. Auf etwa zwei Kilometer Länge steht ein Steinsarg und ein Grabmal neben dem anderen. Plötzlich taucht ein dicker, unrasierter Türke auf, der mir "echt antike“ Figürchen andrehen will. Als er sieht, daß er damit keinen Erfolg hat, versucht er es mit "Küßchen, Küßchen". Doch daran habe ich noch viel weniger Interesse und mache mich aus dem Staub.

 

Normalerweise können wir dem Strandleben nicht sehr viel abgewinnen. Doch an der traumhaft schönen türkischen Südküste legen sogar wir eine Badepause ein. Hier sieht es wirklich wie in den Werbeprospekten der Reiseveranstalter aus: über einem tiefblauen Meer wölbt sich ein wolkenloser Himmel, weißer Sandstrand wechselt ab mit felsigen Steilküsten und Pinienwäldern. Als wir aus dem Wasser steigen, kommen einige junge Türken auf uns zu und laden uns zum Melonenessen ein. Als die Melonen verspeist sind, sollen wir zu ihnen nach Hause kommen. Zu neunt sitzen wir im VW-Bus - ein bißchen eng zwar, aber es geht. Wir bekommen so viele gute Sachen aufgetischt, daß wir zum Schluß das Gefühl haben, wir müßten platzen. War ganz schön anstrengend, diese Einladung!

 

Während wir uns hauptsächlich mit den jungen Männern unterhalten, setzt sich von den Mädchen nur eines zu uns, während sich die anderen etwas abseits halten und Handarbeiten machen. Die Frauen treten in der Öffentlichkeit kaum in Erscheinung. Obwohl die Türkei mehr als die anderen orientalischen Länder westlich ausgerichtet ist, sind doch die alten Traditionen und der Islam mit seiner Abwertung der Frau noch stark wirksam. Das Mädchen Nasje, das mit uns am Tisch sitzt, ist auf dem Weg der Emanzipation schon ein Stückchen weitergekommen als ihre Schwestern. Sie ist Handarbeitslehrerin; zwar ein typisch weiblicher Beruf, aber immerhin überhaupt ein Beruf!

 

Wie schon bei Yasar, bleiben wir auch hier bis zum Frühstück am anderen Morgen und besichtigen anschließend mit Bekir und Afir die Burg von Anamur. Das heißt, besichtigen ist nicht ganz der richtige Ausdruck, wenn man damit ein gesetztes Umherlaufen, möglichst mit einem Reiseführer in der Hand, meint. Wir klettern nämlich auf den alten Mauern herum wie ausgelassene Kinder. Die Burg ist völlig einsam. Niemand verkauft Eintrittskarten, kein Wärter scheucht uns von den Mauern herunter, und keine Busladungen von Touristen werden durchgeschleust. In der Türkei können auch Leute, die keine Ruinenfans sind, auf den Geschmack kommen! Von ihrer geographischen Lage her ist die Türkei ein Durchgangsland, in dem immer wieder andere Völker und Stämme geherrscht haben. Dadurch ist die Vielzahl der unterschiedlichen Kulturen zu erklären, die sich in der wechselvollen Geschichte dieses Landes abgelöst haben.

 

In Kappadokien (Mittelanatolien)

 

Kappadokien ist hauptsächlich durch seine eigenartigen, bizarren Tuffsteinformationen bekannt geworden. Sie sind entstanden durch die Ausbrüche des Vulkans Erciyas Dag, der, heute erloschen, in etwa 80 Kilometer Entfernung liegt. Das ganze Gebiet ist so abwechslungsreich und vielfältig, daß man sich auf alle Fälle ein paar Tage Zeit dafür nehmen sollte. In der Mitte des Dorfes Ortahisar steht ein großer Turm, der zerlöchert ist wie Schweizer Käse. Früher dienten all diese Höhlen als Wohnungen, heute sind die meisten verlassen oder werden als Vorratshäuser verwendet, während sich die Bewohner komfortablere Häuser davor gebaut haben. Von dem Wohnturm aus sieht man weit ins Land hinein. Unten reiten gerade Dorfbewohner auf Mauleseln zu ihren Feldern, die Frauen in langen Gewändern, Pluderhosen und tief verschleiert. Häufig entdecken wir aber auch, daß die Frauen erst dann ihren Schleier vorziehen, wenn sie uns, die Fremden, bemerken.

 

In der größten Mittagshitze laufen wir durch das Dorf, das zu dieser Tageszeit wie ausgestorben scheint. Da kommt ein Mann auf uns zu und winkt uns, ihm zu folgen. Er "öffnet eine der Türen in den Wohnturm - und siehe da, der Raum dient als Stall für Schafe und Ziegen. Es ist herrlich kühl hier bei der Hitze draußen. Der Mann freut sich sichtlich über unsere überraschten Gesichter und führt uns weiter zu seiner Wohnung. Sie besteht aus zwei Räumen: aus einer Vorratskammer, die mitten im Felsen liegt, und einem kombinierten Küchen-, Schlaf- und Wohnraum, der direkt an den Fels gebaut ist. Jetzt ist das Klima hier drinnen sehr angenehm, doch wie kalt mag es wohl im strengen anatolischen Winter werden? Der Mann fordert uns auf, uns hinzusetzen, und wir lassen uns auf einige Kissen nieder. Dann tischt er alles auf, was er hat: Äpfel, Melonen, Trauben, Rosinen, Brot und Tomaten. Als wir wirklich nichts mehr essen können, steckt er die restlichen Äpfel in meine Tasche, und dabei ist der Türke nicht reich! Einige Gebrauchsgegenstände liegen auf dem Boden oder sind an Nägeln aufgehängt. Das scheint sein ganzer Besitz zu sein. Aber der Mann ist zufrieden und eins mit der Welt. Welch ein Kontrast zu unserem Land, wo die Menschen viel mehr besitzen und doch nicht glücklicher sind!

 

Der bekannteste Ort von Kappadokien ist Göreme mit den berühmten Felsenkirchen. Kunstvoll wurden die weichen Tuffsteinfelsen ausgehöhlt - eine beeindruckende Synthese von Natur und Kultur. Die meisten Kirchen stammen aus dem 10. oder 11. Jahrhundert, und viele sind innen mit Figuren oder Ornamenten bemalt. Hier fanden einst Christen Schutz und Zuflucht vor den Verfolgungen des Islam. Erst nach dem Ersten Weltkrieg wurden sie im Zuge des Bevölkerungsaustausches mit Griechenland von hier vertrieben. Seitdem stehen Wohnungen und Kirchen leer.

Am besten gefällt es uns im Dorf Zelve, das völlig einsam und verlassen ist. Ein ganzer Ort wurde hier aus Felswänden und -kegeln gehöhlt. Es ist ein richtiges Kletterparadies, denn die Wohnungen sind oft nur über steile, abenteuerliche Treppen zu erreichen. Einige Wohnungen liegen in einem überhängenden Felsen, und wir müssen uns in Kaminkletterei durch einen dunklen Schacht zwängen, um dort hinaufzukommen. Wenn man aus den Fenstern schaut, sieht man unter sich nur Luft - hier muß man schon schwindelfrei sein!

 

Besteigungsversuch am Erciyas Dag

 

Von der Gegend um Göreme sieht man in der Ferne den knapp 4000 Meter hohen Erciyas Dag liegen. Er ist unser nächstes Ziel. Als wir uns in dem Städtchen Develi nach dem Weiterweg erkundigen, erregen wir großes Aufsehen. Fremde kommen hier anscheinend so gut wie nie vorbei. Auf einer Schotterstraße mühen wir uns ins Gebirge hinauf und erreichen beim letzten Tageslicht das Erciyas Dag Hotel. Ein Mann stürzt heraus und lädt uns sehr wort- und gestenreich ein, hereinzukommen. Er erklärt, er hieße Mehmet und wäre der "Chef-Hotel". Wir sind schon gespannt, was das Hotel alles zu bieten hat. Als erstes zeigt er uns den Speisesaal, der sehr groß ist - aber völlig leer. Keine Tische, keine Stühle, kein Geschirr, nichts. Er führt uns weiter in ein kleines Zimmer. Hier stehen wenigstens ein kleiner Ofen und ein paar Feldbetten. Während wir uns über die geplante Bergtour unterhalten, kocht er uns Cay (Tee), den es in der Türkei bei allen Gelegenheiten gibt. Angeblich war Mehmet schon dreißigmal auf dem Erciyas Dag, und er erklärt uns genau die Aufstiegsroute für morgen.

 

Noch bei Dunkelheit brechen wir auf. Das erste Stück können wir noch auf einer miserablen Straße mit dem Auto fahren. Dann wird sie jedoch so steil, daß wir den Bus stehenlassen müssen. Es gibt zwar auch einen Sessellift, aber der funktioniert nicht. Bis zum eigentlichen Gipfelaufbau ist der Weg recht angenehm; auf den Gipfel selbst führt dann die sogenannte "Teufelsrinne". Sie trägt ihren Namen wirklich zu Recht! Das Gelände wird immer steiler und brüchiger. Bald kommen wir nur noch nach dem Motto "zwei Schritte vor, einer zurück" vorwärts. Das Aufsteigen macht überhaupt keinen Spaß mehr, und bald haben wir die Nase gestrichen voll. Das Ganze "ähnelt mehr einem Geschicklichkeitstanz als einer Bergtour.

Die Steinschlaggefahr ist enorm, und als wir in einem engen, steilen Couloir auch noch auf Eisplatten stoßen, auf denen wir kaum mehr Halt finden, reicht es uns: Wir kehren um, obwohl wir schon einen Großteil des Aufstiegs hinter uns haben. Wir sind ganz schön sauer auf Mehmet, der uns diesen Weg empfohlen hat, als wir eine andere Aufstiegsmöglichkeit über einen Grat entdecken, die sehr viel besser und sicherer aussieht. Doch für heute ist es zu spät, den Berg noch über diese Route zu versuchen, und die Lust dazu ist uns auch vergangen.

 

Nachdem unser Ärger über die mißglückte Gipfelbesteigung etwas verraucht ist, freuen wir uns darauf, im Hotel erst einmal richtig zu duschen und uns dann bei Mehmet ein gutes Abendessen zu bestellen. Die Duschen sind sogar getrennt, für Damen und Herren. Erwartungsvoll inspiziere ich die Damenduschen. Es gibt fünf Stück, welch ein Luxus! Drei davon werden im Moment allerdings als Abstellkammern verwendet. Macht nichts, es bleiben ja immer noch zwei übrig. Ich drehe bei der ersten den Wasserhahn auf - nichts! Bei der zweiten - nichts! Immerhin gibt es auch noch einige Waschbecken, und siehe da - eines funktioniert sogar. Walter hat mehr Glück und findet sogar eine Dusche mit Wasser, wenn auch mit eiskaltem.

 

Während wir auf das Abendessen warten, kocht Mehmet Tee. Nach unserer anstrengenden Bergtour wollten wir uns diesmal das Kochen ersparen. Aber es wird spät und später und nichts geschieht. Allmählich kommen uns Zweifel, ob es überhaupt etwas zu essen gibt. Nachdem unsere Hoffnungen auf den Nullpunkt gesunken sind, ergreifen wir die Initiative und fragen Mehmet, ob er mit uns essen möchte, worauf er sofort und begeistert zusagt. Auf unserem Gaskocher im Bus kochen wir schnell einen großen Berg Eintopf, und nachdem wir Mehmet versichert haben, daß auch bestimmt kein Schweinefleisch drin wäre, langen wir alle drei kräftig zu. Während ich das Geschirr wasche, leuchtet mir Mehmet mit einer Kerze, denn das elektrische Licht funktioniert auch nicht. Dabei sagt er ständig: "Madame guut, madame guut". Ja, ja, das glaube ich ihm schon, daß er mich gerne hierbehalten würde - als Unterhaltung für einsame Stunden und um seinen verlotterten Laden wieder in Schuß zu bringen! Wir sind die einzigen Gäste hier im Hotel und fragen uns, wie das wohl läuft, wenn Touristen kommen, die hier wirklich essen und schlafen wollen. Aber vielleicht kommen hier nie Gäste. Hotel und Sessellift sollten wohl der Grundstock für ein Wintersportgebiet werden, doch anscheinend haben sich die Verantwortlichen damit etwas übernommen, und das Ganze scheint wieder am Einschlafen zu sein.

 

 

Am Nemrud Dag

 

Zwischen Malatya und Adiyaman liegt der Nemrud Dag, der in einem Buch als "Archäologische Nummer eins der Türkei" bezeichnet wird. Zu dem Berg führt eine 70 Kilometer lange Schotterpiste, die bei Kahta von der Hauptstraße abzweigt und über deren Zustand die unterschiedlichsten Gerüchte kursieren. Einmal heißt es, die Straße wäre für normale Autos befahrbar, ein andermal heißt es, nur mit Allrad, und ein Einheimischer erklärt uns, es ginge nur mit Mauleseln, die er uns als Reittiere aufdrängen will. So sind wir sehr gespannt auf die kommenden Dinge, wollen es aber auf alle Fälle erst mal mit unserem VW-Bus versuchen. Die Straße stellt sich als recht passabel heraus, führt über zwei Brücken (angeblich noch aus der Römerzeit) und windet sich die Hänge hinauf. In einem Dörfchen wird sie einmal ziemlich steil und schlecht, doch ansonsten kommen wir ohne Probleme bis kurz unterhalb des Gipfels, der etwa 2300 Meter hoch ist.

 

König Antiochos, der hier vor etwa 2000 Jahren über das kleine Reich Kommagene herrschte, ließ sich - mitten im Gebirge - auf dem Gipfel des Nemrud Dag ein circa 40 Meter hohes Grabmal errichten. Es erinnert ein wenig an die ägyptischen Pyramiden, besteht jedoch aus lose aufeinander geschichteten Steinen. Am Unterrand des Grabmals ließ er zwei Terrassen errichten, mit je fünf etwa zehn Meter hohen Statuen von Göttern, ihm selbst und verschiedenen Tieren. Die Köpfe der Statuen sind alle heruntergefallen und liegen auf der Erde. Dadurch wirken sie aber um so eindrucksvoller, denn sie sind um einiges größer als wir selbst. Wir kommen kurz vor Sonnenuntergang hier oben an und sind überwältigt von der Stimmung. Die Steinköpfe werden vom letzten Abendlicht angestrahlt und werfen lange Schatten. Schweigend und einsam stehen sie da, seit 2000 Jahren. Kein Mensch stört die Stille, und um uns herum ist kilometerweit nur karges, unfruchtbares Gebirge. Am nächsten Morgen sind wir zum Sonnenaufgang wieder da und genießen noch einmal dieses eindrucksvolle Schauspiel.

Als wir zum Auto zurückkommen, sitzt dort ein Mann und behauptet, er wäre hier der Wächter. Als Beweis dafür zeigt er uns eine lange Flinte. Er scheint ganz nett zu sein, und so bieten wir ihm Kaffee, Zigaretten und unseren Klapphocker an, der jedoch leider zusammenkracht, als er sich draufsetzt. Zum Schluß will er auf einmal auch Bakschisch haben. Etwas verärgert fahren wir weiter.

 

Abenteuer in Ostanatolien

 

Als wir vom Nemrud Dag zurückkommen, stehen plötzlich einige mit Steinen bewaffnete Jungen auf der Straße und fordern Zigaretten. Walter gibt Gas, und da springen sie schnell zur Seite. Nochmals Glück gehabt! Mit den Steinewerfern haben wir jetzt noch öfters Begegnungen. Das Fordern von Zigaretten erscheint uns bald als eine Art von modernem Wegezoll. In den Augen der Einheimischen sind alle Touristen unermeßlich reich, vor allem, wenn sie mit dem Auto kommen. So ist es in ihren Augen nur recht und billig, wenn diese von ihrem Reichtum ein wenig abgeben sollen. Wer sich weigert, bekommt eine Ladung Steine ab. Offensichtlich werden aber auch Autos von Einheimischen beworfen, denn wir sehen nicht wenige türkische Fahrzeuge mit Sprüngen in den Fensterscheiben und öfters Glasscherben am Straßenrand. Wahrscheinlich ist es auch ein allgemeiner Haß auf die Erwachsenen, der die Jugendlichen zu diesen Taten veranlaßt. Um mit heilen Fensterscheiben weiterzukommen, greifen wir zu einem bewährten Trick: Wir werfen kleine Röllchen aus Klopapier aus dem Fenster. Bis die Kinder merken, daß es gar keine Zigaretten sind, sind wir aus der Reichweite ihrer Wurfgeschosse. Damit macht man sich nicht gerade beliebt, aber wir wissen kein Patentrezept.

 

In der Osttürkei treffen wir eine Woche lang überhaupt keine Touristen - das erste und einzige Mal auf unseren bisherigen Reisen. Die Schauergeschichten, die zum Teil über diese Gegend verbreitet werden, dürften wohl viele von hier fernhalten. Auch wir sind jetzt vorsichtiger. In der übrigen Türkei haben wir fast immer irgendwo in freier Natur übernachtet. Nun ziehen wir es jedoch vor, für die Nacht den Schutz von Jandarma-Stationen zu suchen, einer Art Militärpolizei. Dabei machen wir recht unterschiedliche Erfahrungen: Mal werden wir sehr freundlich aufgenommen, mal nur geduldet. Am schlimmsten ist es in Diarbakir: Hier will uns überhaupt keiner haben - aber gerade hier haben wir nicht die geringste Lust, uns einfach irgendwo hinzustellen. Diarbakir ist die heimliche Hauptstadt der Kurden, und die Stadt kommt uns vor wie ein brodelnder Hexenkessel, der jeden Augenblick explodieren kann. Außerdem ist sie noch der südöstlichste NATO-Stützpunkt. Fast an jeder Straßenecke steht ein Soldat. Das alles macht auf uns einen feindseligen Eindruck. Diarbakir ist von einer dicken Mauer aus schwarzen Basaltsteinen umgeben. Nach der chinesischen Mauer soll sie angeblich die zweitlängste der Welt sein. Auf der Straße rufen uns die Kinder dauernd "o.k., o.k." zu, anscheinend das einzige Wort, das sie von hier stationierten amerikanischen Soldaten gelernt haben. All das verstärkt unseren Eindruck, daß Touristen nicht sehr beliebt und willkommen sind.

 

Auch vom Van-See - 1700 Meter hoch gelegen und etwa vier Mal so groß wie der Bodensee - sind wir nicht sonderlich begeistert. Als wir in Van tanken wollen, steht an der Tankstelle eine Schlange von etwa 100 Männern mit Benzinkanistern. Wir machen uns schon auf eine stundenlange Warterei gefaßt, doch ein Mann nimmt sich unserer an, so daß wir vorgelassen werden und so relativ schnell Benzin für unseren Reservekanister bekommen. An der Nordseite des Van-Sees steht der 4400 Meter hohe Süphan Dag, den wir zum Abschluß noch besteigen wollen. Als wir in einem Dorf nach dem richtigen Weiterweg schauen, stürzt der gesamte männliche Teil des Dorfes auf unseren Bus zu. Die Jungen kleben an den Scheiben und schneiden Grimassen, während die Männer nach dem Woher und Wohin fragen. Einer von ihnen behauptet, wir dürften nicht weiterfahren und bräuchten für die Besteigung des Süphan erst eine Genehmigung der Polizei in Adilcevaz. Also fahren wir dorthin. Der Polizeichef ist sehr freundlich, rät uns aber dringend davon ab, jetzt am Abend noch in Richtung Süphan Dag zu fahren - dazu macht er die Gebärde des Halsabschneiders. Darauf sind wir nicht allzusehr erpicht, und als er uns zum Abendessen einlädt, bleiben wir.

 

Der Süphan Dag ist genauso wie der Erciyas Dag ein Vulkan und daher bergsteigerisch nicht allzu interessant. Wahrscheinlich ist der Aufstieg nur ein langer Marsch über weite Schuttfelder. So ist am nächsten Morgen unser Auftrieb für diesen Berg nicht mehr sehr groß. Die Aussicht auf einen Überfall ist auch nicht gerade verlockend, und so beschließen wir, ohne einen Gipfelversuch weiterzufahren. So geht es jetzt wieder zurück gen Westen, und wir haben nun Zeit und Muße, die karge und herbe Landschaft der Osttürkei in uns aufzunehmen. Wir kommen durch Dörfer, wo Enten und Gänse im Teich schwimmen, neben einem Bach grasen friedlich Kuh- und Schafherden, und auf den Feldern sehen wir Menschen mit Ochsenkarren bei der Ernte.

 

Rückfahrt und Resümee

Bei Agri stoßen wir auf die Transitstrecke, die weiter in den Iran führt. Die Bezeichnung Hauptstraße ist allerdings etwas irreführend, denn durch den starken Lastwagenverkehr ist sie teilweise in schlechtem Zustand. Dann kommen wir in die Hauptstadt. Verglichen mit Istanbul bietet Ankara nicht viele Sehenswürdigkeiten. Doch eines scheint uns bemerkenswert: Die Stadt besitzt auf engstem Raum all die Kontraste, die für das ganze Land typisch sind. In den Stadtteilen am Berghang kommt man sich wie auf dem Land vor: Schafe sind vor den Häusern angebunden, und Frauen mit Kopftuch und Pluderhose holen Wasser vom Brunnen. Nur zehn Minuten entfernt davon rauscht der Verkehr über breite Straßen, stehen Hochhäuser und gehen Menschen spazieren, die nach der neuesten europäischen Mode gekleidet sind.

 

Türkei - ein Land zwischen Tradition und Fortschritt! Mit Menschen, deren Gastfreundschaft fast beschämend ist, und anderen, die Steine nach uns warfen. Es bleiben viele Fragen nach dem Warum, aber auch nach der Zukunft dieses interessanten, mit Naturschönheiten und Kunstschätzen so reich gesegneten Landes.