Norwegen mit Golf & Zelt

Norwegen 1977 - Von der Südspitze bis zum Nordkap              

 

Wir sind seit einigen Tagen mit unserem VW-Golf namens "Laubfrosch" und einem Zelt in Südnorwegen unterwegs. Zuvor sind wir ziemlich schnell durch Norddeutschland und Dänemark gefahren, da uns die flache und eintönige Landschaft nicht allzusehr beeindrucken konnte. Mit der Fähre erreichen wir anschließend Kristiansand an der Südspitze Norwegens. Norwegen gefällt uns von Anfang an sehr gut. Hügelige Gegenden wechseln ab mit höheren Bergen, und dazwischen liegen jede Menge Bäche, Flüsse, Seen und Moore.

Einsame, idyllische Nachtplätze - manchmal unfreiwillig

Dass das Wasser aber auch seine Tücken hat, merken wir noch am selben Abend. Bei der Nachtplatzsuche bleiben wir nämlich in einem sumpfigen Gelände stecken, in dem das Auto so festsitzt, dass wir auch mit Schneeketten nicht mehr herauskommen. Da wir in der hereinbrechenden Dunkelheit nichts mehr ausrichten können, müssen wir an Ort und Stelle unser Zelt aufschlagen und übernachten.

Am nächsten Morgen haben wir eine ganze Weile zu tun, um uns aus dieser vertrackten Situation zu befreien. Erst nachdem wir den Untergrund mit dem Spaten bearbeitet, Äste unter die Räder gelegt und unseren vollbeladenen Wagen entleert haben, bekommen wir ihn endlich wieder flott. So sind wir gleich zu Beginn um eine Erfahrung reicher - ein Golf ist halt nun mal kein Geländefahrzeug!

Trotzdem passiert uns dasselbe im Verlauf der nächsten Wochen nochmals. Wir übernachten nämlich fast nie auf einem Campingplatz, sondern nach Möglichkeit immer in freier Natur. Und Norwegen ist hierfür wie geschaffen. Wenn man eine gute Karte und einen Blick fürs Gelände hat, findet man meist einen sichtgeschützten, idyllischen Lagerplatz in der Nähe von Wasser und weit von jeder menschlichen Ansiedlung entfernt. Bei der Nachtplatzsuche wird man auch nicht wie in südlichen Ländern von der schnell hereinbrechenden Dunkelheit überrascht, denn es ist nach Sonnenuntergang noch sehr lange hell. Wenn wir dann noch um ein kleines Lagerfeuer herumsitzen, fühlen wir uns wohler als im teuersten Luxushotel.

 

Unterwegs in Südnorwegen

Im Setesdal gönnen wir unserem Auto auch einmal eine Pause und machen uns zu Fuß auf den Weg zum Svarvanutten, der auf unserer Karte als schöner Aussichtsberg eingezeichnet ist. Wir übernachten auf der "Stavskarhytta", die dem norwegischen Bergsteigerverein gehört. Sie hat nur vier Schlafplätze, ist aber dafür um so gemütlicher. Einen richtigen Weg zum Gipfel gibt es nicht, und es macht Spaß, sich selbst den besten Aufstiegsweg im Gelände auszuwählen.

Der Gipfel ist zwar nur 1400 m hoch, bietet jedoch einen weiten Blick auf unzählige Seen in allen Größen. Beim Abstieg müssen wir uns durch dichtes Birkenunterholz hindurcharbeiten. Wer sich auf unseren Bergen schon einmal durch ein Latschendickicht gekämpft hat, weiß, wie mühsam das ist. Das Birkenunterholz ist ganz ähnlich - gewissermaßen die skandinavische Ausführung.

Als nächstes machen wir einen Abstecher nach Bergen an der norwegischen Westküste. Diese Hafenstadt gilt als der regenreichste Ort Europas - wir aber haben Glück und können sie bei strahlendem Sonnenschein besichtigen. Die ehemalige Hansestadt besitzt aus ihrer Blütezeit noch einen malerischen Hafen mit gut erhaltenen mehrgeschossigen Speicherhäusern im typischen hanseatischen Stil. Zuletzt genießen wir von einem nahen Aussichtsberg noch schöne Blicke auf die zerrissene Küste mit ihren vielen Fjorden und vorgelagerten Inseln.

Einige Tage später erreichen wir die Hardangervidda. Sie gilt als größtes Gebirgsplateau Europas und liegt etwa 1000 m hoch. Am Rande der Hochfläche stürzen große Wasserfälle ins Tiefland der Fjorde. Der 160 m hohe Lytefoss-Wasserfall fällt so malerisch und eindrucksvoll in eine Schlucht, dass wir ihn ausgiebig von unten und oben fotografieren. Die Hardangervidda selbst ist das genaue Gegenteil: Hier dominieren weite Flächen mit sanften Hügeln und vielen kleinen Tümpeln, Bächen und Sümpfen. überall grünt und blüht es - am besten gefallen uns die Blumen an den kleinen Seen.

Die beiden anderen unseres Teams, unser Freund Wolfgang und seine jüngere Schwester Jutta, sind mit einem Motorrad, einer MZ, vollbeladen in Oslo angekommen. Einen Teil ihrer Ausrüstung können wir in den Golf packen, bei dem wir die Rückbank ausgebaut und so eine größere Ladefläche erhalten haben. Trotzdem ist kaum noch Platz im Wagen. Da Norwegen sehr teuer ist, haben wir die meisten Lebensmittel von zu Hause mitgenommen. In einem Koffer sind Konserven, in einem anderen Frühstücksproviant usw. Unterwegs ernähren wir uns hauptsächlich von Brot und Milch, den billigsten Nahrungsmitteln in Norwegen. Durch die Bewegung in der frischen Luft entwickeln wir einen ungeahnten Appetit, und es kommt öfters vor, dass wir pro Tag einen ganzen Brotlaib verputzen.

Von Oslo aus machen wir uns auf den Weg ins Landesinnere. Dabei stellt es sich heraus, dass die Kombination von Auto und Motorrad durchaus ihre Vorteile hat. Unsere Fahrzeuge sind etwa gleich schnell, und wir können uns je nach Lust und Laune im Fahren abwechseln. Im Wagen ist genügend Platz für das Gepäck, so dass das Fahren mit dem unbepackten Motorrad mehr Spaß macht.

 

Schlechtwetter am Galdhöpiggen

Jotunheimen ist die größte Gebirgsgruppe Norwegens und heißt auf deutsch "Land der Riesen". Riesen gibt es zwar keine, dafür stehen hier die höchsten Gipfel des Landes und gleichzeitig Skandinaviens. Unser erstes Ziel ist der Besseggengrat, der etwa 1700 m hoch ist und sich zwischen Gjendesee und Bessvatn erhebt. Über diesen Grat soll Ibsens Held Peer Gynt auf einem Rentier geritten und abgestürzt sein. Die Tour ist aber nicht gefährlich, und man braucht keine Angst zu haben, hier herunterzufallen.

Wir starten von Gjendesheim, das an der Staatsstraße liegt. Die Aussicht vom Grat ist einmalig: Links fallen die Wände steil ab zum Gjendesee, rechts liegt der Bessvatn, ein kleiner, aber höher gelegener See, und direkt vor uns sehen wir die höchsten Gipfel von Jotunheimen. Trotz ihrer relativ geringen Höhe sind sie oft vergletschert.

Auf diesen Breitengraden entsprechen Vegetation und Vergletscherung etwa 1000 m höheren Lagen bei uns. Je weiter man in den Norden kommt, desto tiefer sinkt die Gletschergrenze. Bei dem herrlichen Wetter sind wir begeistert von dieser schönen Wanderung. Beim Abstieg nehmen wir einen anderen Weg, der um den Bessvatn herumführt und sich gewaltig in die Länge zieht. So erreichen wir recht müde, aber sehr zufrieden, wieder unsere Fahrzeuge.

Über Lom, Böverdal und Visdal gelangen wir auf einem kleinen Sträßchen zum Hotel Spiterstulen, Ausgangspunkt für unsere nächsten Touren. Die Norweger sind sich nicht ganz einig, welches der höchste Gipfel ihres Landes sein soll. Der Glittertind ist mit 2470 m zwar einen Meter höher als der Galdhöpiggen, aber er ist am Gipfel vergletschert. Diese Eiskappe will man nicht recht gelten lassen, so dass offiziell der Galdhöpiggen als höchster Berg gilt. Er ist deshalb unser nächstes Ziel.

Von Spiterstulen bis zum Gipfel sind es 1400 Höhenmeter, nicht gerade wenig. Das Wetter sieht schon am Morgen nicht allzu vertrauenerweckend aus. Im Lauf des Vormittags kommt ein Sturm auf, so stark, dass er uns fast vom Grat herunterweht. Dann beginnt's auch noch zu schneien, und die angewehten Schneekristalle brennen schmerzhaft im Gesicht. Man könnte meinen, es wäre Januar oder Februar, aber nach dem Kalender ist es Mitte August. Für die erst sechzehnjährige Jutta ist dies die bisher längste Bergtour, und nach einigen Stunden Aufstieg wird es schließlich zuviel für sie - kein Wunder bei diesen Verhältnissen.

So beschließen wir, dass Wolfgang mit ihr umkehrt, während wir zu zweit noch auf den Gipfel steigen. Stapfend durch knöcheltiefen Neuschnee erreichen wir endlich den höchsten Punkt. Ein paar Meter unterhalb steht eine Hütte, die allerdings verschlossen ist. Da uns die Aussicht bei diesem Wetter nicht gerade von den Sitzen reißt und in der Hütte kein Schutz zu finden ist, machen wir nur eine kurze Gipfelrast.

Am Abend finden wir ein kleines leerstehendes Holzfällerhäuschen. Dort machen wir ein Feuer, an dem wir uns aufwärmen können, und nach einem kräftigen Abendessen kriechen wir bald müde in unsere Schlafsäcke.

 

Wanderung auf den Glittertind - höchster Punkt Skandinaviens

Am nächsten Morgen wollen sich Wolfgang und Jutta ein wenig erholen, und so machen wir uns wieder zu zweit auf den Weg zum Glittertind. Da der Gipfel vergletschert ist und wir nicht wissen, wie schwierig der Weg ist, packen wir vorsichtshalber Seil, Pickel und Steigeisen ein. Als uns beim Aufstieg aber immer wieder Norweger mit Gummistiefel, aber ohne alpine Ausrüstung begegnen, kommt uns unsere Ausrüstung etwas deplaziert vor, und wir deponieren sie daher in einer Felsspalte. Die meisten Norweger verwenden im Gebirge lieber Gummistiefel mit Profilsohle statt Lederbergschuhe, da man beim Wandern hier oft nasse Füße bekommt. Auf alle Fälle empfiehlt es sich, für eine Norwegenreise ein Paar Gummistiefel einzupacken.

Über weite Stein- und Geröllfelder gewinnen wir an Höhe. Die Vegetation ist zwar nur spärlich, aber leuchtende Moose und Flechten sind zu entdecken, die in all dem Braun und Grau als bunte Farbtupfer ganz besonders schön wirken. Gegenüber liegt der Galdhöpiggen, und unser gestriger Weg läßt sich von hier aus gut verfolgen.

Schließlich erreichen wir den Gipfel des Glittertind. Der Gletscher ist verschneit und bietet dadurch keine Schwierigkeiten; bei Blankeis jedoch können die letzten Meter unangenehm werden, vor allem mit Gummistiefeln. Leider ziehen von allen Seiten aus Wolken auf, so dass wir von den umliegenden Bergen nicht allzuviel sehen. Beim Abstieg finde ich schöne Steine, die von Flechten in allen Farben überzogen sind: rote, gelbe, grüne. Ich packe mir eine Menge davon ein, obwohl ich sonst eine Abneigung gegen schwere Rucksäcke habe. Unterdessen haben Jutta und Wolfgang einige Pilze gesammelt und bereiten nun ein delikates Abendessen. Überall in Norwegen kann man Pilze finden, vor allem Birkenpilze und Maronen. Wer sich mit Pilzen nicht auskennt, sollte sich ein Pilzbestimmungsbüchlein mitnehmen. Es lohnt sich wirklich, denn die meisten Pilzarten hier sind eßbar, riesengroß und schmecken hervorragend. Ansonsten findet man Heidelbeeren und Himbeeren, und wenn man sich Zeit nimmt, genug davon zu sammeln, kann man seinen Speisezettel köstlich und kostenlos bereichern.

Der Galdhöpiggen kann auch noch von der anderen Seite auf einer leichteren Route bestiegen werden, die sehr viel kürzer und dementsprechend auch besuchter ist. Da Wolfgang den Galdhöpiggen doch noch gerne besteigen möchte, fährt er mit Walter auf dem Motorrad los, während wir Mädchen mal gründlich Ordnung machen, waschen und erledigen, was sonst noch zu tun ist.

Wenn man bereit ist, sein Fahrzeug genügend zu strapazieren, kann man auf einem kleinen Mautsträßchen bis auf 1800 m Höhe fahren. In den Steilstücken der schlechten Schotterstraße "verhungert" jedoch das Motorrad wegen seiner ungünstigen Getriebeübersetzung, und so müssen wir zum Teil schieben bzw. können nur abwechselnd alleine fahren. Trotzdem erreichen die beiden die Juvashytta, von der es nur noch etwa zwei Stunden zum Gipfel sind. Da der Weg über einen Gletscher führt, nehmen sie zur Sicherheit ein Seil mit, auch wenn es gar nicht benützt wird. Um so erstaunter sind sie, als ihnen eine etwa vierzigköpfige Gruppe von Norwegern begegnet, die alle hintereinander angeseilt - wie auf einer Perlenschnur aufgereiht - unter der Leitung eines Bergführers absteigen. Da ein solcher etwa 80 m langer menschlicher Tausendfüßler auch auf einer Postkarte verewigt ist, scheint diese Methode hier allgemein üblich zu sein. Bei schönem Wetter besteht diesmal eine gute Aussicht auf die umliegenden Berge und die Hurrungane-Gruppe, die wir als nächstes besuchen wollen. Am Abend treffen wir uns alle wieder und stellen unsere Zelte in der Nähe des Hotels Turtagrö auf.

 

In der wilden Hurrunganegruppe

Als letzte Tour in Jotunheimen haben wir noch ein etwas anspruchsvolleres Unternehmen geplant: Wir wollen zu zweit den Store Skagastölstind besteigen, der in der wilden HurrunganeGruppe liegt. Er ist ein reiner Kletterberg, dessen leichtester Anstieg schon den Schwierigkeitsgrad III hat.

Zu viert machen wir uns zunächst auf den Weg zur kleinen unbewirtschafteten Hütte am Fuß des Berges, der Skagastölsbu. Leider steigen wir zunächst auf der falschen Talseite auf. Als wir unseren Fehler bemerken, ist es schon zu spät zum Umkehren, und da es nirgends eine Brücke gibt, müssen wir schauen, möglichst trocken über den Bach zu kommen. Der reißende Gebirgsbach führt ziemlich viel Wasser, und wir müssen eine Weile suchen, bis wir eine einigermaßen passable Stelle finden. Wir werfen große Steine ins Wasser, um darauf hinüber zu balancieren, aber das Ganze ist eine recht wackelige Angelegenheit. Nach einiger Zeit sind wir dann doch alle wohlbehalten und trocken am anderen Ufer angelangt und können unseren Weg fortsetzen. Am Morgen tragen wir uns in das Hüttenbuch ein und schauen gleichzeitig nach, wie viele Bergsteiger in diesem Jahr schon auf dem Gipfel waren. Wir sind überrascht - es waren nur zehn Seilschaften, und auch in den vergangenen Jahren wurde der Gipfel nicht öfters bestiegen.

Eine Tour in dieser Einsamkeit hat für uns viel größere Reize, als wenn gleichzeitig vor uns und nach uns noch mehrere Seilschaften klettern. Wenn allerdings etwas passiert, schaut es böse aus, und so müssen wir doppelt vorsichtig sein. Da wir über den Skagastölstind kaum etwas wußten, hatten wir uns gestern im Hotel Turtagrö noch nach dem Aufstiegsweg erkundigt. Wir konnten dort einen Kletterführer einsehen - auf Norwegisch natürlich. Er hatte aber zusätzlich gute Anstiegsskizzen, die auch ohne Sprachkenntnisse verständlich waren. Wir nahmen uns ein paar Blätter Butterbrotpapier und pausten die Skizzen ab. So haben wir wenigstens etwas mehr Informationen in der Hand.

 

Klettertour auf den einsamen Skagastölstind

Nun stehen wir mit unserem Butterbrotpapier am Einstieg und schauen - von leisen Zweifeln geplagt - die steilen Felswände hinauf. Unsere Route ist mit dem oberen dritten Schwierigkeitsgrad angegeben - doch sind wir überhaupt richtig? Wir können es nicht genau sagen. Aber woanders sieht es auch nicht besser aus. Also packen wir es an!

Der Fels ist sehr fest und rauh - ein richtiger Genuß! Plötzlich finden wir einen Haken in der Wand. Wir sind also nicht die ersten hier und haben offensichtlich doch den richtigen Weg erwischt. Sehr viel beruhigter klettern wir weiter. Weiter oben muß Walter einen Haken schlagen, da es nur wenige Sicherungsmöglichkeiten gibt. Als Nachsteigende habe ich die schöne Aufgabe, den Haken wieder herauszubekommen. Recht vorsichtig schlage ich ein paarmal drauf. - Es rührt sich nichts. Nun haue ich schon fester zu. - Der Haken sitzt bombenfest. Langsam bekomme ich eine Mordswut auf den Haken und dresche mit aller Kraft auf ihn ein. Endlich kann ich ihn - schon leicht verbogen - herausziehen, und wir klettern weiter. Zum Teil liegt noch Schnee, an vielen Stellen ist der Fels noch recht naß. Doch das kann uns nicht aufhalten.

Nach einigen Stunden Kletterei erreichen wir den Gipfel, von dem wir eine hervorragende Aussicht haben. Tief unter uns liegt ein blaugrüner See, an dem wir gestern vorbeigewandert sind, und ringsum stehen jede Menge neue, verlockende Bergziele. Die Hurrungane-Gruppe hat im Gegensatz zu den meisten anderen, eher abgerundeten norwegischen Bergen sehr alpine Formen: schroffe, abweisende Gipfel mit zum Teil senkrechten Felswänden, steile Firnfelder und Hängegletscher. Ein wahres Paradies für Alpinisten - keineswegs überlaufen, und von Deutschland relativ gut und schnell erreichbar.

Als ich etwas zum Essen aus dem Rucksack holen will, bekomme ich einen Schreck: Der ganze Inhalt ist naß! Die Ursache ist bald gefunden: An meiner Alu-Feldflasche ist die Dichtung nicht mehr in Ordnung, und ein Liter Tee schwimmt nun nicht mehr in der Flasche, sondern gleichmäßig verteilt im Rucksack und - leider auch im Fotoapparat. Im Moment funktioniert er zwar noch, doch zwei Tage später gibt er seinen Geist auf. Für den Rest des Urlaubs müssen wir dann zu zweit mit einer Kamera auskommen, was bei zwei leidenschaftlichen Fotografen gelegentlich zu kleinen Problemen und Disputen führt.

Aber davon ahnen wir jetzt noch nichts, sondern genießen die Aussicht und die Gipfelbrotzeit. Beim Abstieg seilen wir uns den größten Teil ab, weil das am schnellsten geht. Nun machen sich Nässe und Schnee doch recht unangenehm bemerkbar. Das Seil saugt sich voll Wasser, wird schwer und läßt sich kaum noch abziehen. Nach einer Weile werden auch wir durchnäßt, da beim Abseilen die Feuchtigkeit zum Teil aus dem Seil heraus- und in unsere Kleider hineingepresst wird.

Doch alles hat einmal ein Ende: Schließlich erreichen wir wieder die kleine Hütte. Es sind inzwischen ein paar Wanderer eingetroffen, doch auf dem Gipfel waren wir die einzigen. Die meisten Norweger sind keine Kletterer, sondern begeisterte Weitwanderer. Mit großen Rucksäcken, meist auch mit Zelt und Schlafsack, ziehen sie tagelang durchs Gebirge. Einmal sahen wir sogar einen Hund, der auch ein Rucksäckchen trug. Wenn man andere Wanderer trifft, grüßen sie mit "Hei", und ebenso grüßt man zurück.

Wir wollen heute noch zu unseren Zelten absteigen, und so machen wir uns wieder auf den Weg. Nun merken wir, daß wir schon einen langen Tag hinter uns haben und unsere Beine schwer werden. Die Fingerspitzen sind von dem rauhen Fels wundgeklettert, doch auch das kann unsere Freude über die gelungene Tour nicht trüben. Es ist bereits dunkel, als wir bei den Zelten ankommen. Wolfgang und Jutta schlafen schon. Doch sie haben uns einen guten Nudeleintopf gekocht, den wir noch ganz aufessen, bevor wir todmüde in unsere Schlafsäcke fallen.

 

Motorschaden im Land der Fjorde

Am nächsten Morgen packen wir unsere Bergausrüstung erst einmal weg, denn nun wollen wir gemütlich durchs Land der Fjorde nach Trondheim fahren. Dort wollen wir uns wieder trennen: Wolfgang und Jutta wollen weiter nach Schweden, wir beide Richtung Nordkap. Doch es kommt wieder einmal ganz anders als geplant. Wolfgangs Motorrad gibt schon seit Anfang der Reise beunruhigende Geräusche von sich. In Oslo haben wir vorsichtshalber eine Werkstatt aufgesucht, die jedoch nichts entdecken konnte. Seitdem ist das Geräusch langsam, aber stetig lauter geworden und läßt uns auf einen Lagerschaden schließen. Wir haben gehofft, daß der Motor noch die Reise überstehen würde, doch diesen Gefallen tut er uns leider nicht.

Am Abend fängt das Motorrad an, immer lauter zu krachen, und mit einem letzten Krach bleibt es schließlich ganz stehen. Aus?! - Jetzt in der Dunkelheit können wir sowieso nichts mehr erkennen, und so schlagen wir in der nächsten Wiese unsere Zelte auf. Tags darauf machen sich unsere beiden Männer daran, den Schaden zu finden und möglichst auch zu beheben. Doch daraus wird nichts. Ein Dichtungsring ist gebrochen und deutet auf einen schweren Schaden an der Kurbelwelle hin. Wie wir später erfahren, ist die Kurbelwellenlagerung konstruktionsbedingt zu schwach angelegt, und die Belastungen der Gebirgsstraßen haben ihr endgültig den Rest gegeben.

Die passenden Ersatzteile haben wir natürlich nicht dabei - wir könnten sie auch höchstens in Oslo oder Trondheim auftreiben. Da es hier in der Nähe keine Werkstätten gibt, die den Schaden richten könnten, und an der zerrissenen Westküste auch keine Eisenbahn fährt, um das Motorrad aufzuladen, bleibt uns als letzte Möglichkeit nur noch, es mit dem Auto abzuschleppen. Nach Oslo und Trondheim ist es etwa gleich weit, und so entscheiden wir uns für Trondheim, denn dorthin wollten wir ursprünglich sowieso.

 

Abenteuerliche Abschleppfahrt mit dem Motorrad

Da uns das Abschleppseil zu kurz erscheint, verwenden wir noch eine Reepschnur aus unserer Kletterausrüstung und verbinden beide mit einem Karabiner. Dann fahren wir vorsichtig los. Am Anfang sind unsere Nerven zum Zerreißen gespannt. Man muß höllisch aufpassen, nicht über das Abschleppseil zu fahren, sonst riskiert man einen Sturz. Ob das gutgeht? Die vielen schmalen, kurvigen Küstenstraßen an den Fjorden entlang sind teilweise nicht einmal asphaltiert. Von den Risiken abgesehen, ist diese Abschleppen sowieso verboten. In Deutschland würden wir wahrscheinlich nicht weit kommen, aber Norwegen ist Gott sei Dank nicht Deutschland.

Solange die Straßen asphaltiert und nicht zu kurvig sind, geht es besser als erwartet. Langsam gewöhnen wir uns an die neue Situation. Wir fahren sogar einen Umweg, weil er landschaftlich schöner ist, und Überholen einen Heuwagen. Aber unser Übermut bekommt bald einen Dämpfer. In der Kehre einer schottrigen Bergstraße gibt es plötzlich einen harten Ruck. Wolfgang tritt sofort auf die Bremse, wir schauen uns um - da liegt das Motorrad, daneben dessen Passagiere. Das Seil war in der engen Kurve zu locker gewesen, das Motorrad auf dem Schotter mit dem Vorderrad darüber gerutscht - und schon war es geschehen. Gott sei Dank ist nichts passiert, doch nun fahren wir doppelt vorsichtig weiter. Zum Glück bleibt es bei diesem einen Sturz. Nach vier Tagen erreichen wir schließlich wohlbehalten, wenn auch leicht genervt, unser Ziel Trondheim. Wir haben 650 km (!) zurückgelegt und sind auch ein bißchen stolz auf diesen unfreiwilligen Rekord, den wir hoffentlich nie mehr zu überbieten brauchen. Da der Motor hier in absehbarer Zeit auch nicht repariert werden kann, kehren Wolfgang, Jutta und das Motorrad mit dem Zug nach Hause zurück, wobei die Kosten dank eines vorsorglichen Schutzbriefes vom ADAC übernommen werden.

 

Auf den Lofoteninseln

Nun fahren wir wieder mit unserem Laubfrosch allein weiter in Richtung Norden. Unser nächstes Ziel sind die Lofoten, eine Inselgruppe auf der Höhe von Narvik. Die Inseln bestehen fast nur aus Bergen, die oft sehr steil und schroff aus dem Meer aufragen. Aus der Ferne erscheinen sie wie eine einzige Kette, deshalb werden sie auch Lofotenwand genannt.  Als wir mit der Fähre nach Svolvaer übersetzen, dem Hauptort der Lofoten, sehen wir langsam die Lofotenwand aus dem Meer auftauchen, während darüber die Sonne untergeht.

Die Haupterwerbsquelle der Lofotenbewohner ist die Fischerei. Der Kontrast der Fischerdörfer mit den bunt bemalten Holzhäusern und den steil dahinter aufragenden Bergen ist besonders reizvoll und hat schon viele Maler inspiriert.

 

Weglose Bergtour auf den Vagekallen

Nach der vielen Fahrerei haben wir das Bedürfnis, uns wieder einmal selbst zu bewegen. Auf der Überfahrt stach uns schon ein markanter, pyramidenförmiger Berg ins Auge, den wir nun besteigen wollen. Er heißt Vagekallen und ist ganze 900 m hoch.

Allerdings muß man bedenken, daß man hier direkt vom Meeresspiegel aus startet, und so bekommen alle Höhenangaben eine andere Bedeutung. Ein kleiner Pfad führt an einer Bucht mit Brackwasser entlang. Dann hört er auf, wir müssen uns selbst den Weg suchen. Auf den Lofoten gibt es nirgends markierte Wanderwege oder Beschilderungen. Diese Inselgruppe ist also das Richtige für Bergsteiger, die oft übermarkierte Wege in den Alpen satthaben und sich stattdessen lieber selber die beste Route heraussuchen.

Wir mühen uns zunächst durch dichtes Krüppelbirkengehölz, das durchsetzt ist mit großen Steinblöcken. Weiter oben wird es dann besser - der Untergrund ist gleichmäßiger und mit kurzem Gras bewachsen. Vom Meer ziehen Nebel und Wolken auf, und wir können nur noch einen kleinen Teil des Weiterwegs überblicken. Das Gelände wird felsiger, und wir haben Schwierigkeiten, die beste Route ausfindig zu machen. Einmal müssen wir sogar durch ein Loch in eine Höhle krabbeln und im Inneren ein Stück höherklettern, bis wir schließlich auf der anderen Seite wieder herauskommen. Der Nebel wird immer dichter, und nachdem wir auf einem Grat angekommen sind, wissen wir wirklich nicht mehr, ob es nun rechts oder links weitergeht. Walter unternimmt ein paar Erkundungsvorstöße, die uns jedoch auch nicht weiterbringen. Sollen wir jetzt umkehren, nachdem wir schon so weit gekommen sind? Da - im richtigen Augenblick reißt der Nebel auf, und wir sehen ein Stück weiter den steilen Gipfelaufbau. Nach ein paar Sekunden ist alles wieder zu, doch nun wissen wir, in welcher Richtung der Weg weiterführt.

In dieser Situation kommen wir uns wie Entdecker vor, denn uns steht dabei keine Beschreibung zur Verfügung, nur eine Karte mit schlechtem Maßstab. Wir haben auf der ganzen Strecke weder eine Markierung noch einen Steinmann angetroffen, nur das orangerote Vermessungszeichen auf dem Gipfel weist darauf hin, daß hier oben schon einmal Menschen waren. Vorsichtshalber haben wir auch unsere gesamte Kletterausrüstung dabei, denn wir wußten ja nicht, was uns an Schwierigkeiten erwarten würde. Das letzte Stück zum Gipfel ist zwar leichte Kletterei, aber wir können seilfrei gehen, so daß wir unsere Klettersachen gar nicht brauchen. Während der Gipfelrast reißt es noch einmal auf - weit unter uns sehen wir das tiefblaue Meer mit unzähligen kleinen und kleinsten Inselchen.

Da der Aufstieg recht verwickelt und umständlich über den Grat geführt hat, und es wieder einmal recht spät geworden ist, wollen wir den Abstieg abkürzen. Von einer Scharte unterhalb des Gipfels scheint es ziemlich passabel weiterzugehen. Das Gelände ist zwar steil und brüchig, aber dafür kommen wir zügig hinab. Schließlich erreichen wir ein Bachbett, das zwar feucht und glitschig ist, aber den besten Abstiegsweg bildet. Die günstigste Technik dafür ist es, den Hosenboden als Reibungs- und Bremsfläche einzusetzen. Hinterher ist die Hose naß und flickbedürftig, aber wir stehen relativ schnell wieder am Fuß des Berges.

An dieser Seite des Berges liegt ein See mit einem wunderschönen Sandstrand. Leider ist es viel zu kalt zum Baden. Der Sandstrand hört jedoch bald auf und wird abgelöst von urwaldartigem Birkengehölz, das zu durchqueren ist. Langsam wird es dunkel, so daß wir die vielen Steine und Unebenheiten nicht mehr richtig sehen können. Als wir unser Zelt erreichen, ist es schon finster, und das will bei der langen nordischen Abenddämmerung schon etwas heißen!

Wir haben also fast den ganzen Tag gebraucht, um diesen "kleinen" Berg von 900 m Höhe zu besteigen. Doch was sagt eine Höhenangabe allein schon aus? Für manche scheint sie allerdings sehr wichtig zu sein: So galten in den Tourenberichten des Alpenvereins früher nur Gipfel über 1500 m als erwähnenswerte Berge. Doch hat unser kleiner Berg sicherlich mehr Schwierigkeiten, aber auch mehr Reize als mancher leicht ersteigbare Dreitausender gehabt.

Da das Wetter sehr wechselhaft ist, bleibt dies unser einziger Lofotengipfel. Trotzdem sind wir noch öfters zu Fuß unterwegs. Einmal unternehmen wir eine Wanderung querfeldein, mit Gummistiefeln und Perlonüberhosen, da uns nasse Farnkräuter und Gestrüpp oft bis zum Bauch reichen. Außer ein paar Schafen treffen wir dabei niemanden. Immer wieder sind wir überrascht von den vielfältigen Ausblicken aufs Meer, auf weit entfernte Häuser und andere Berge. Überhaupt ist es dieses unmittelbare Nebeneinander von Meer, schroffem Gebirge und menschlichen Siedlungen, was den besonderen Reiz der Lofoten ausmacht. Obwohl wir über eine Woche hier verbringen, ist dies immer noch zu wenig. So haben wir den festen Wunsch, irgendwann einmal wieder hierher zu kommen.

 

Fahrt durch Nordnorwegen

Leider regnet es jetzt sehr viel. Bis jetzt waren wir mit unserem Zelt sehr zufrieden, doch langsam wird es ungemütlich, denn es kann überhaupt nicht mehr trocknen. Die meisten Lofoteninseln sind untereinander mit Fähren verbunden. Da das Wetter nicht besser wird, fahren wir von der äußersten Insel in mehreren Etappen wieder aufs Festland. Wir kommen vorbei an der Halbinsel Lyngen, die etwas nördlich von Tromsö liegt und bergsteigerisch sehr interessant sein dürfte. Leider hängen die Wolken so tief, daß es zur Zeit nicht lohnt, hier viel zu unternehmen. Nordnorwegen mit seiner Weite und Einsamkeit gefällt uns sehr. Hier könnte man noch viele erlebnisreiche Urlaube verbringen.

Einige Tage später stellen wir unser Zelt in der Nähe von Hammerfest auf. In der Nacht stürmt es heftig. Wir haben jeden Moment das Gefühl, daß unser Dach gleich davonfliegt. Deshalb beschweren wir es ringsum mit Steinen - so hält es bis zum nächsten Morgen. Jetzt haben wir allerdings die größten Schwierigkeiten, das wild flatternde Zelt zusammenzulegen und im Auto zu verstauen, denn der Sturm wirft uns dabei fast um.

Auf der Weiterfahrt zum Nordkap passieren wir ein Lappenlager, bei dem eine riesige Rentierherde zusammengetrieben ist. Neugierig bleiben wir stehen, müssen jedoch bald erkennen, daß die Lappen die Tiere - jetzt im Herbst und außerhalb der Touristensaison - fangen und töten. Zum einen machen sie dies, um einen Fleischvorrat für den Winter anzulegen, zum andern wohl auch, um den vielen Nordlandtouristen im nächsten Jahr wieder genügend Felle und Geweihe anbieten zu können. Schließlich meinen ja viele Nordkapfahrer, sich unbedingt so ein Souvenir ins Wohnzimmer hängen zu müssen. Walter dreht ein paar Filmszenen. Schließlich wollen wir nicht nur das Anziehende eines fremden Landes erleben und im Film festhalten, sondern auch das Typische, Alltägliche und Dinge, die weniger schön sind.

 

Am Nordkap - Endpunkt unserer Reise

Nach sechs Wochen und mehr als 7000 km Fahrt erreichen wir in der Nacht das Nordkap. Es ist gespenstisch: überall dichter Nebel, dazwischen riesige, leere Parkplätze und viele Verkehrsschilder. Da wir befürchten, daß es wieder stürmt, wollen wir diesmal im Auto schlafen. Wir klappen die Sitze nach vorne und versuchen, mit den ganzen Gepäckstücken eine ebene Fläche zu schaffen, auf die wir unsere Luftmatratzen legen. Mit einigen Verrenkungen kriechen wir in unsere Sardinenbüchse. Die Kopffreiheit in unserem "Reisemobil" ist nicht gerade sehr groß, aber es geht, wir können noch atmen. Nachdem wir die Fenster mit Handtüchern verhängt haben, die das Kondenswasser aufsaugen sollen, steht einer guten Nacht nichts mehr im Wege. Diesmal gibt es natürlich keinen Sturm, und wir schlafen tief und fest.

Das Nordkap ist nicht das Ziel, sondern der natürliche Endpunkt unserer Reise. Deshalb sind wir auch nicht über die eher triste und wenig beeindruckende Landschaft enttäuscht. Die vielen Nordkapfahrer, die vor allem in der Zeit der Mitternachtssonne in Scharen hierher strömen, erwarten sich meist zu viel. Das Nordkap ist außerdem nicht mal der nördlichste Punkt Europas, sondern nur der nördlichste mit dem Auto erreichbare, aber wie so oft: Man kann wenigstens sagen, daß man da war. Das ist doch auch schon etwas. Oder nicht?!

Wir machen uns anschließend auf die Heimreise durch Finnland und Schweden und erreichen eine Woche später wieder München.

 

Resümee

Norwegen ist ein ideales Reiseland für jeden, der etwas für unberührte Landschaft und Einsamkeit übrighat. Natürlich gibt es auch in Norwegen einige Gegenden, die zu bestimmten Zeiten alles andere als einsam sind.

Vor allem für Bergsteiger und Wanderer finden sich hier lohnende Ziele in Hülle und Fülle. Man kann auf markierten Wegen von Hütte zu Hütte wandern oder mit dem Zelt auf dem Rücken mitten durch die Wildnis gehen, man kann klettern, Eistouren machen und - besonders in Nordnorwegen - noch die eine oder andere Erstbesteigung oder zumindest Erstbegehung durchführen. Es gibt also auch noch in Europa genügend Freiraum für Individualisten - man muß gar nicht immer in die fernsten Länder reisen, in Wüste oder Dschungel, um Abenteuer zu erleben!

 

 

(Aus „Via“, Juli/August 81, Seite 64 – 71)