Spitzkoppe - Namibia 2001

Auf der Spitzkoppe (Namibia, 2001)

 

2001 verbringe ich fünf Wochen in Namibia. Da ich bei meinen Reisen immer gern den höchsten oder interessantesten Berg des jeweiligen Landes besteigen möch­te, steht dies­mal die Spitzkoppe auf dem Programm, die sich 700 Meter über den Wüstenboden erhebt. Ich weiß zwar, dass dieser formschöne Granitkegel ein reiner Kletterberg ist, aber erst kurz vor der Abreise bekomme ich einen aktuellen Kletterführer zu Gesicht: Der Berg wurde 1946 erst­bestiegen, und bis heute waren nur circa 400 Kletterer auf dem Gipfel. Meine Begleiterin Elisabeth hat für diese Route nicht genügend Erfahrung, und so bin ich froh, dass ich unterwegs zwei fränkische Sportkletterer finde, die ich zu dieser Route überreden kann.

 

Peter und Thomas klettern zwar bis zum 7. Grad, haben aber keine alpine Erfahrung, so dass die volle Verantwortung für Orientierung, Vorstieg und Absicherung bei mir liegt. Wir kom­men zu spät weg und leisten uns im Zustieg durch den bewachsenen und völlig unübersicht­lichen Wandbereich gleich einen Verhauer. Wir ziehen uns an Büschen hoch, mogeln uns an stacheligen Kakteen vorbei, springen über Rinnen oder robben sogar durch kleine Höhlen, bis wir endlich den richtigen Weg finden.

 

Beim Klettern steigern sich die Schwierigkeiten kontinuierlich. Weiter oben wird ein glatter, sehr enger Kamin in einer dunklen Höhle so brutal eng, dass ich mir sogar den Magnesiabeutel vom Klettergurt nehme, um nicht hängen zu bleiben. Die Ruck­säcke müs­sen wir sowieso hinter uns herzerren - ein übergewichtiger Kletterer würde hier glatt stecken­bleiben und hätte keinerlei Gipfelchance. Danach seilen wir 20 Meter über eine senkrechte glatte Wand ab - jetzt müssen wir bis zum Gipfel durchkommen, da uns der Rückweg abge­schnitten ist. Die Schlüsselstelle ist mit 5+, A0 angegeben, daneben gibt es eine hakenlose Alternative im 6. Grad, die mir ungesichert allerdings zu gefährlich ist. So steige ich eben mit Hakenhilfe und einem künstlich gehauenen Tritt der Erstbegeher über den abdrängenden Wulst. Weiter oben muss ich noch genügend frei klettern und die Route selbst absichern, bis wir schließlich den Gipfel erreichen. Dort oben genießen intensiv wir das eindrucksvolle Wüstenpanorama, das durch die späte Nach­mittagssonne noch plastischer wirkt, tragen uns ins Gipfelbuch ein und machen Brotzeit sowie ein paar Fotos.

 

Danach seilen wir zweimal 50 Meter direkt und ausgesetzt ab, wobei der Schlingenstand den Sportkletterern ziemlich Respekt bzw. Angst einflößt. Weiteres Abklettern und ein paar Abseil­stellen bringen uns rasch nach unten, aber auch die Sonne geht schnell unter. Im unübersicht­lichen Wandfußbereich wird es dann stockdunkel. Wir haben natürlich keine Taschenlampe dabei und verlieren - wie schon beim Aufstieg - die spärlichen Steinmännchen - Markierungen.

 

 

Da wir diesen Wegteil nicht kennen und ein Herumirren in diesem Felslabyrinth gefährlich wird, schlage ich ein Freibiwak vor. Aber die beiden anderen suchen noch eine ganze Weile ver­geblich nach dem Weiterweg, da sie so kurz vor dem Ziel - nur 150 Meter über dem Talboden - nicht aufgeben wollen. Zum Glück haben wir Rufverbindung zu den besorgten Frauen am Wandfuß, die uns trotz Autoscheinwerfer und Taschenlampen von unten auch nicht weiterhelfen können. Und so folgt schließlich doch eine kalte und unbequeme Nacht unter freiem Himmel mit ausgedörrten Kehlen und sehr viel Durst. Am nächsten Morgen stürzen wir bei den Autos angekommen erst einmal becherweise Säfte, Wasser, Bier und Obstkonserven herunter, bis wir unseren Flüssigkeitsbedarf wieder einigermaßen gedeckt haben. Das Abenteuer Spitzkoppe ist damit glücklich überstanden.